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Über meine Zeit in Brasilien und Portugal und das Portugiesische

Schlagwort: Gesellschaft

Pünktlichkeit

Pünktlichkeit ist in Brasilien keine Tugend. Wie die meisten Sekündärtugenden, leider.

Im Prinzip ist es hier genauso wie in Spanien: Man verabredet sich mit einer Gruppe, zum Beispiel um 19 Uhr. Ab 19:30 kommen die ersten. Gegen 21 Uhr sind dann fast alle am vereinbarten Ort und man geht los. Wenn nicht jemand eine andere Idee hat, was man machen könnte, und man dann sofort den vorherigen Plan über den Haufen schmeißt. (Es sei denn natürlich, man hat schon Eintritt bezahlt.) Flexibilität über alles.

Ich habe bereits mehrfach Leute mit folgendem schocken können: Ich mache öfters auch Termine mit Personen, die ich sehr selten sehe, ein halbes Jahr im Voraus aus. Wenn der Tag gekommen ist, gehe ich zu dem vereinbarten Ort. Ohne vorher nochmal mit der Person zu kommunizieren. Und: Die andere Person ist auch da!

Herzstillstand. Groooße Augen. Unfassbar. Übermenschlich.

Manche Häuser haben keine Klingel. Man klatscht dann davor, bis jemand aufmacht.

Absolventenfeier auf Brasilianisch

Eine Hochschulausbildung ist in Brasilien nicht selbstverständlich. Derzeit sind von den 204 Milionen Einwohnern nur 2,8 Millionen an staatlichen und privaten Universitäten eingeschrieben – ~1,3 Prozent der Bevölkerung. (In Deutschland: 2,8 Millionen von 82 Millionen – ~3,4 Prozent.)

Vielleicht hat deshalb die Verabschiedung von Hochschulabsolventen hier einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Am Wochenende war ich auf der Bachelor-Graduationsfeier der Universidade Federal de São Paulo (UNIFESP), auf der die Absolventen der Mathematik, Materialwissenschaften, Computational Engineering und Bauingenieure verabschiedet geehrt wurden. Verabschiedung ist hier nur teilweise richtig, weil viele im Master weitermachen. Das hindert die Universitäten aber nicht daran, auch den Bachelor-Abschluss dermaßen zu feiern, dass ich vor lauter Staunen nicht mehr herauskam.

Ich beschreibe im folgenden den Ablauf der gut vierstündigen Veranstaltung. Anwesend waren neben der Präsidentin der Universität der Dekan und alle Professoren, in deren Fachgebiet es Absolventen gab.

Aber kommen wir erst zum Vorspiel: Vor der eigentlichen Veranstaltung stand für die Absolventen ihr Phototermin an. Alle Absolventen bekamen einen Talar samt Doktorhut (hier im Deutschen ein unpassender Begriff; „Akademikerhut“ träfe es besser). Vor den Flaggen wurden dann von einem Photographen Photos gemacht. Erst alleine, dann auch je nach Wunsch mit Freunden, Kommilitonen oder der Familie.

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Während im Flur noch viele Photos gemacht wurde, gingen wir schon mal in den Hörsaal. Speziell dieser Hörsaal wird auch für Feiern verwendet, was ich an der gehobenen Ausstattung sofort bemerkte. Man beachte nur folgende „Bänke“/“Stühle“:

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Unglaublich bequem. Man könnte direkt darin einschlafen. Dazu kamen wir aber nicht, denn mit nur cum cum cum tempo (also für brasilianische Verhältnisse pünktlich) begann der offizielle Teil.

Mit dem Einlauf der Professoren.

Ja, Einlauf. Das kann man sich wie bei einer Show vorstellen. Zu Beginn sah es so aus:

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Nach einer kurzen Begrüßung durch den Dekan rief er die Professoren einzeln auf, die unter  Applaus wie Filmstars die Bühne betraten. Nachdem alle Helden, äh, Professoren, ihre Plätze eingenommen hatten, ging es mit den Absolventen weiter, die bisher noch draußen warten mussten. Auch sie liefen unter Namensnennung, nach Studiengang sortiert, unter lautem Applaus ein und wurden dabei nochmal mehrfach beim Einlauf photographiert. Bei manchen Absolventen ertönten sogar Vuvuzelas von deren „Fanclub“ beim Einlauf.

Nachdem anschließend alle im Hörsaal saßen, erhoben sich alle, um die Nationalhymne zu singen. Und zwar richtig. Mit lauter Hintergrundmusik (mangels Orchester). Mit Kraft. Mit Gefühl. Laut. Deutlich. Wie im Stadion. Ui.

Danach begann ein eher ruhiger Teil. Die Professoren hielten alle eine Rede, die teilweise 15 Minuten dauerten. Die Reden handelten alle auch über Verantwortung und Ethik. Über die Verantwortung, die die Absolventen gegenüber der Gesellschaft haben, die viel ihn sie „investiert“ hat. Über die Verantwortung, ihr Wissen nur moralisch und ethisch im Einklang mit den Werten der Gesellschaft zu nutzen. Über die Technik, die kein Selbstzweck ist sondern dazu da ist, den Menschen zu dienen. Und nie dazu führen darf, den Menschen oder der Umwelt zu schaden. Was für Reden!

Toll! Und es kam noch besser: Den nach den Reden mussten alle Absolventen ihren Eid ableisten. Aber nicht alle den gleichen: Für jeden Studiengang wurde satzweise ein eigener Eid vorgelesen, den die Absolventen im Stehen und mit ausgestrecktem rechtem Arm nachsagen mussten.

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Anschließend wurden die Urkunden verliehen. Die Studenten wurden einzeln aufgerufen und bekamen von ihrem jeweiligen Professor ihre Urkunden. Und kuschelten miteinander.

Nun, das Wort ist vielleicht doch etwas stark, aber passt hier trotzdem. Die Brasilianer sind ja für ihre „Kontaktfreude“ bekannt, und auch hier umarmten sich immer wieder alle gegenseitig. Die zwei Professorinnen wurden auch immer, wie es sich hier gehört, von ihren Studenten(-innen) „abgeküsst“. Und auch die Professoren umarmten ihre Studenten, dass man meinen könnte, hier hat der Vater seinen jahrzehntelang verloreren Sohn wiedergefunden.

(Ich versuche es hier wirklich, nicht zu übertreiben. Die Umarmungen dauerten tatsächlich oft 5-10 Sekunden und hatten sichtbar viel „Kraft“. Aber ich beschreibe das hier auch aus deutscher Sicht. Aus brasilianischer Sicht ist das überhaupt nicht erwähnenswert, wie mir zwei Brasilianer versicherten.)

Nach der Verleihung, währenddessen das Publikum die ganze Zeit kräftigen Applaus gab, wurden weitere Reden gehalten. Und zwar von jeweils einem Absolventen jedes Studiengangs. Diese Reden handelten auch von der Verantwortung, aber auch von Dankbarkeit und Lob für die Professoren und die Universität.

Anschließend hielt die Präsidentin eine allgemeine Rede. Danach bat der Dekan alle Eltern im Saal, aufzustehen. Er hielt eine mehrminütige Rede, in der er den Eltern für ihre Kinder dankte. Für die gute Erziehung. Für die Fürsorge. Während dieser Rede lief Filmmusik im Hintergrund, wohl um die Bedeutung zu unterstreichen. Am Ende der Rede wurde die Musik laut und es gab drei Minuten lang stehenden Applaus von der Bühne und dem Hörsaal für die Helden=Eltern, von denen sich manche in den Armen lagen und weinten.

Danach ging die Veranstaltung mit dem Hutwurf der Absolventen und letzten Glückwünschen zu Ende.

Puh.

Ich wünsche mir, die Verleihungen in Deutschland würden auch mehr in diese Richtung gehen. Ich fand die gesamte Verleihung großartig und dem Anlass angemessen, nach vielen Jahren harter geistiger Arbeit einen würdigen Schlusspunkt zu setzen. Selbst wenn es nur ein Zwischenpunkt sein sollte, wenn man mit dem Master weitermachen sollte. Dass alle Absolventen, nicht nur Mediziner und Juristen, einen Eid ablegen müssen, um zu schwören, mit ihrem Wissen weder Menschheit noch Natur zu schaden, finde ich sehr gut und würde das auch gerne in allen deutschen Universitäten sehen. Gut, Schwören sollte man dann vielleicht nicht mit erhobenem rechten Arm, aber das sind Details.

Als Kontrast zum Schluss noch kurz mein persönliches Erlebnis mit meiner Bachelor-Urkunde an der TU Darmstadt. Es geschah an einem Vormittag. Ich lief im Flur entlang, als mich eine Sekretärin sah und ihr einfiel, dass im Sekretariat etwas für mich lag. Reingehen, Ausweis vorzeigen, Mappe nehmen, rausgehen, fertig. Hm. Tja. Fertig.

Rückblickend finde ich das so deprimierend.

(Hinweis: An der TU Darmstadt gilt der Master als „Regelabschluss“. Mit diesem Hintergedanken macht man keine Verabschiedung für Bachelor-Absolventen. Das habe ich auch immer gewusst, aber aus heutiger Sicht finde ich das überhaupt nicht mehr gut.)

Die ersten Tage

Eine kurze Zwischenmeldung, da ich schon Nachfragen bekommen habe und hier gerade gar nix schreibe: Es ist mehr als phantastisch hier und ich komme gerade nicht zum reflektieren und schreiben. Ich will schon gar nicht mehr zurück… (Nein, das wird nicht passieren…)

Ich treffe hier gerade tausend wunderbare Menschen, nehme direkt an allem Teil, bin in einer wunderbaren Familie aufgenommen, die mich schon kaum noch loslässt… Also, alles wunderbar und in einigen Tagen werde ich auch wieder zum Schreiben kommen. Ich habe schon viele interessante Beobachtungen gemacht, die ich ausarbeiten werde. Alles gut. (Nein, perfekt! 🙂 )

Sichtbare Kriminalität

Zur Lagebewertung von Vierteln in São Paulo  zur Wohnungssuche habe ich folgende Seiten als Tipps bekommen:

Onde fui roubado ist eine Geo-Plattform, in der jeder eintragen kann, wo und wann er Opfer von Kriminalität wurde. Man kann dort z.B. sehen, wo die letzte Zeit besonders viele Überfälle passiert sind. Da allerdings jeder dort freiwillig Daten eingeben kann, sind die Daten natürlich nicht repräsentativ. Aber wenn man das im Hinterkopf hat, kann man daraus schon Schlüsse ziehen; spätestens in Kombination mit anderen Quellen.

Criminalidade bairro a bairro ist eine journalistische Darstellung offizieller Zahlen aus staatlichen Publikationen über die Kriminalitätsvorfälle in einzelnen Vierteln. Man kann dort schöne Visualisierungen für verschiedene Delikte sehen, sich Top- und Flop- (in dem Fall besser) -Listen ansehen und auch mit den Daten vergangener Jahre vergleichen.

Latino ./. Hispanic

Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen Latino und Hispanic? Vor folgendem Video habe ich das auch noch nicht gewusst:

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