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Über meine Zeit in Brasilien und Portugal und das Portugiesische

Kategorie: Brasilien 2016 (Seite 1 von 3)

Brasilien 1

Knapp 3 Monate Brasilien sind um. Was für eine phantastische Zeit. Ich will wieder zurück. Ich bin so beschäftigt gewesen, dass ich zu vielem gar nicht richtig gekommen bin; unter anderem habe ich nicht so viele Blog-Artikel geschrieben, wie ich gewollt hätte.

Die Menschen dort sind wunderbar. Die Offenheit ist noch stärker ausgeprägt, als ich es in Spanien erlebt habe. Ständige Umarmungen und Küsschen, in Kombination mit nur einer „Du“-Form für Bekannte wie für Fremde. Das macht im Umgang so viel aus. Mir ist aufgefallen, dass in Deutschland selbst das Handreichen aus der Mode zu kommen scheint. (Oft reicht ja ein „Hallo“ mit einem Sicherheitsabstand von 2 Metern zur Begrüßung aus. Seufz.)

Im Unterschied zu Spanien haben die meisten Menschen auch anders reagiert auf mein Portugiesisch. Während es in Spanien niemandem komisch vorkam, dass ich Spanisch lernte, fanden es in Brasilien viele Menschen sichtbar toll, dass ich versuchte, ihre Sprache zu lernen. Ich wurde sogar mehrfach gefragt, warum ich denn auf die Idee gekommen bin, Portugiesisch zu lernen. In Spanien wurde ich das nie gefragt. Angemerkt wurde wohl auch deswegen, wie flüssig und gut ich Portugiesisch spräche. Aber, nun ja, das hat sicherlich auch kulturelle Gründe; als Deutscher würde ich erst dann sagen, gut Portugiesisch zu sprechen, wenn ich einen Habitilationsvortrag in Agrarphilosophie flüssig halten und verteidigen könnte.

(Zu der Selbsteinschätzung fällt mir immer folgendes Bonmot ein: Ein US-Amerikaner und ein Deutscher wollen Elefanten erforschen. Der US-Amerikaner recherchiert im Netz, befragt einige Biologen und veröffentlicht sein Buch mit dem Titel: „Alles über Elefanten“. Der Deutsche reist nach Afrika, studiert dort jahrelang das Verhalten ganzer Herden, nimmt an unzähligen Safaris und Konferenzen teil, bevor er nach vielen Jahren endlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Elefanten – eine Einführung“.)

Brasilien hat mir auch wieder vor Augen geführt, wohin es führt, wenn große Teile der Menschen von Wohlstand ausgeschlossen sind. Die Kriminalitätsrate ist ja überall deutlich höher, auch wenn ich persönlich nichts davon mitbekommen habe, wohl weil ich auch nur in „teureren“ Gegenden gewohnt habe. So viele Obdachlose und Bettler. So viele Sicherheitsvorkehrungen, die das ganze Leben bestimmen:

  • Hochhäuser sind beliebt, weil man sie gut schützen und sich Wachleute teilen kann.
  • Häuser haben 2-3 Meter hohe Zäune, oft mit Stacheldraht und Elektrozaun.
  • Viele Schulen haben Wachtürme und Videoüberwachung, von denen Innenminister träumen oder Londoner es gewohnt sind.
  • In Bibliotheken darf man Schließfächer nur nach Passkontrollen nutzen.
  • Für fast alle Schwimmbäder braucht man ein aktuelles ärztliches Attest. Damit man nicht lustige Krankheiten im Wasser verbreitet, gegen das Chlor wohl auch nicht mehr hilft.

Ich muss noch so viel mehr schreiben… Ich habe auch schon etliche Blog-Artikel vorbereitet und hoffe, die 2. und 3. Phase mehr zu schreiben. Ich werde daher auch von Portugal aus Beiträge über Brasilien veröffentlichen. Aktuell bin ich am Beginn meiner 2. Phase: 3 Monate Lissabon, mit einer 3-wöchigen Unterbrechung ab Mitte Dezember. Diese Zeilen schreibe ich am Flughafen in Lissabon, wo ich mich immer noch über 30 Gigabyte LTE-Volumen für 30€ freue…

Den Beginn meiner Master-Arbeit, die ich Ende September / Anfang Oktober habe anfangen wollen, habe ich auf Anfang November (=jetzt) verschoben, hauptsächlich weil mein Betreuer im Konferenzstress war. (Das war mir aber auch nicht so unrecht, so hatte ich mehr Zeit für die Portugiesische Sprache.) Aber damit geht es jetzt auch los, wir diskutieren noch einzelne Schwerpunkte der Arbeit.

Nun dann. Hallo Lissabon.

tauben

Es gibt hier in vielen größeren Städten Markthallen. Dort gibt es alles. Bestimmt auch Tauben, antwortete ich scherzeshalber. Obiges Foto stammt vom Mercado Central Belo Horionte.

klingler_20160911_4035Es ist hier explizit verboten, Lokalen oder Geschäften mit Kopfbedeckung zu betreten. (Wahrscheinlich, damit die Leute leichter identifizierbar sind auf Videoaufnahmen. Kameras gibt es hier überall.)

Absolventenfeier auf Brasilianisch

Eine Hochschulausbildung ist in Brasilien nicht selbstverständlich. Derzeit sind von den 204 Milionen Einwohnern nur 2,8 Millionen an staatlichen und privaten Universitäten eingeschrieben – ~1,3 Prozent der Bevölkerung. (In Deutschland: 2,8 Millionen von 82 Millionen – ~3,4 Prozent.)

Vielleicht hat deshalb die Verabschiedung von Hochschulabsolventen hier einen anderen Stellenwert als in Deutschland. Am Wochenende war ich auf der Bachelor-Graduationsfeier der Universidade Federal de São Paulo (UNIFESP), auf der die Absolventen der Mathematik, Materialwissenschaften, Computational Engineering und Bauingenieure verabschiedet geehrt wurden. Verabschiedung ist hier nur teilweise richtig, weil viele im Master weitermachen. Das hindert die Universitäten aber nicht daran, auch den Bachelor-Abschluss dermaßen zu feiern, dass ich vor lauter Staunen nicht mehr herauskam.

Ich beschreibe im folgenden den Ablauf der gut vierstündigen Veranstaltung. Anwesend waren neben der Präsidentin der Universität der Dekan und alle Professoren, in deren Fachgebiet es Absolventen gab.

Aber kommen wir erst zum Vorspiel: Vor der eigentlichen Veranstaltung stand für die Absolventen ihr Phototermin an. Alle Absolventen bekamen einen Talar samt Doktorhut (hier im Deutschen ein unpassender Begriff; „Akademikerhut“ träfe es besser). Vor den Flaggen wurden dann von einem Photographen Photos gemacht. Erst alleine, dann auch je nach Wunsch mit Freunden, Kommilitonen oder der Familie.

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Während im Flur noch viele Photos gemacht wurde, gingen wir schon mal in den Hörsaal. Speziell dieser Hörsaal wird auch für Feiern verwendet, was ich an der gehobenen Ausstattung sofort bemerkte. Man beachte nur folgende „Bänke“/“Stühle“:

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Unglaublich bequem. Man könnte direkt darin einschlafen. Dazu kamen wir aber nicht, denn mit nur cum cum cum tempo (also für brasilianische Verhältnisse pünktlich) begann der offizielle Teil.

Mit dem Einlauf der Professoren.

Ja, Einlauf. Das kann man sich wie bei einer Show vorstellen. Zu Beginn sah es so aus:

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Nach einer kurzen Begrüßung durch den Dekan rief er die Professoren einzeln auf, die unter  Applaus wie Filmstars die Bühne betraten. Nachdem alle Helden, äh, Professoren, ihre Plätze eingenommen hatten, ging es mit den Absolventen weiter, die bisher noch draußen warten mussten. Auch sie liefen unter Namensnennung, nach Studiengang sortiert, unter lautem Applaus ein und wurden dabei nochmal mehrfach beim Einlauf photographiert. Bei manchen Absolventen ertönten sogar Vuvuzelas von deren „Fanclub“ beim Einlauf.

Nachdem anschließend alle im Hörsaal saßen, erhoben sich alle, um die Nationalhymne zu singen. Und zwar richtig. Mit lauter Hintergrundmusik (mangels Orchester). Mit Kraft. Mit Gefühl. Laut. Deutlich. Wie im Stadion. Ui.

Danach begann ein eher ruhiger Teil. Die Professoren hielten alle eine Rede, die teilweise 15 Minuten dauerten. Die Reden handelten alle auch über Verantwortung und Ethik. Über die Verantwortung, die die Absolventen gegenüber der Gesellschaft haben, die viel ihn sie „investiert“ hat. Über die Verantwortung, ihr Wissen nur moralisch und ethisch im Einklang mit den Werten der Gesellschaft zu nutzen. Über die Technik, die kein Selbstzweck ist sondern dazu da ist, den Menschen zu dienen. Und nie dazu führen darf, den Menschen oder der Umwelt zu schaden. Was für Reden!

Toll! Und es kam noch besser: Den nach den Reden mussten alle Absolventen ihren Eid ableisten. Aber nicht alle den gleichen: Für jeden Studiengang wurde satzweise ein eigener Eid vorgelesen, den die Absolventen im Stehen und mit ausgestrecktem rechtem Arm nachsagen mussten.

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Anschließend wurden die Urkunden verliehen. Die Studenten wurden einzeln aufgerufen und bekamen von ihrem jeweiligen Professor ihre Urkunden. Und kuschelten miteinander.

Nun, das Wort ist vielleicht doch etwas stark, aber passt hier trotzdem. Die Brasilianer sind ja für ihre „Kontaktfreude“ bekannt, und auch hier umarmten sich immer wieder alle gegenseitig. Die zwei Professorinnen wurden auch immer, wie es sich hier gehört, von ihren Studenten(-innen) „abgeküsst“. Und auch die Professoren umarmten ihre Studenten, dass man meinen könnte, hier hat der Vater seinen jahrzehntelang verloreren Sohn wiedergefunden.

(Ich versuche es hier wirklich, nicht zu übertreiben. Die Umarmungen dauerten tatsächlich oft 5-10 Sekunden und hatten sichtbar viel „Kraft“. Aber ich beschreibe das hier auch aus deutscher Sicht. Aus brasilianischer Sicht ist das überhaupt nicht erwähnenswert, wie mir zwei Brasilianer versicherten.)

Nach der Verleihung, währenddessen das Publikum die ganze Zeit kräftigen Applaus gab, wurden weitere Reden gehalten. Und zwar von jeweils einem Absolventen jedes Studiengangs. Diese Reden handelten auch von der Verantwortung, aber auch von Dankbarkeit und Lob für die Professoren und die Universität.

Anschließend hielt die Präsidentin eine allgemeine Rede. Danach bat der Dekan alle Eltern im Saal, aufzustehen. Er hielt eine mehrminütige Rede, in der er den Eltern für ihre Kinder dankte. Für die gute Erziehung. Für die Fürsorge. Während dieser Rede lief Filmmusik im Hintergrund, wohl um die Bedeutung zu unterstreichen. Am Ende der Rede wurde die Musik laut und es gab drei Minuten lang stehenden Applaus von der Bühne und dem Hörsaal für die Helden=Eltern, von denen sich manche in den Armen lagen und weinten.

Danach ging die Veranstaltung mit dem Hutwurf der Absolventen und letzten Glückwünschen zu Ende.

Puh.

Ich wünsche mir, die Verleihungen in Deutschland würden auch mehr in diese Richtung gehen. Ich fand die gesamte Verleihung großartig und dem Anlass angemessen, nach vielen Jahren harter geistiger Arbeit einen würdigen Schlusspunkt zu setzen. Selbst wenn es nur ein Zwischenpunkt sein sollte, wenn man mit dem Master weitermachen sollte. Dass alle Absolventen, nicht nur Mediziner und Juristen, einen Eid ablegen müssen, um zu schwören, mit ihrem Wissen weder Menschheit noch Natur zu schaden, finde ich sehr gut und würde das auch gerne in allen deutschen Universitäten sehen. Gut, Schwören sollte man dann vielleicht nicht mit erhobenem rechten Arm, aber das sind Details.

Als Kontrast zum Schluss noch kurz mein persönliches Erlebnis mit meiner Bachelor-Urkunde an der TU Darmstadt. Es geschah an einem Vormittag. Ich lief im Flur entlang, als mich eine Sekretärin sah und ihr einfiel, dass im Sekretariat etwas für mich lag. Reingehen, Ausweis vorzeigen, Mappe nehmen, rausgehen, fertig. Hm. Tja. Fertig.

Rückblickend finde ich das so deprimierend.

(Hinweis: An der TU Darmstadt gilt der Master als „Regelabschluss“. Mit diesem Hintergedanken macht man keine Verabschiedung für Bachelor-Absolventen. Das habe ich auch immer gewusst, aber aus heutiger Sicht finde ich das überhaupt nicht mehr gut.)

Campos do Jordão: Fachwerk und Badenwurst

Vergangenes Wochenende besuchte ich mit Freunden Campos do Jordão. Eine kleine Stadt „in den Bergen“ im Norden des Bundesstaates São Paulo.  Die Stadt liegt auf der höchsten Erhebung des Umlandes und ragt mit 2000 Metern über dem Meeresspiegel deutlich über der restlichen Landschaft hinaus, die im Mittel gut 800 Meter hoch liegt. Diese Gegend wird auch als Brasilianischer Schweiz bezeichnet. Obwohl ich dort nur deutsche Flaggen gesehen habe. Und Fachwerkhäuser. (Jedenfalls welche, die danach aussehen.)

Schon das Betreten der Stadt zeigt, das hier einiges anders ist. Normalerweise haben die Orte hier wie in Deutschland Ortsschilder. Campos do Jordão hat stattdessen für das Ortsschild ein ganzes Haus über die Eingangsstraße gebaut:

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Tapioca-Omelett

Heute mal etwas zum Essen. Ich mag ja prinzipiell Essen, das aus wenigen Zutaten besteht. Dadurch ist es wichtig, dass die Zutaten sehr gut sind, da man schlechte Zutaten kaum kaschieren kann.

Das Tapioca-Omelett, dass ich hier öfter zum Frühstück essen, übertreibt es in dieser Hinsicht allerdings etwas. Es besteht nur aus Tapioca und etwas Margarine.

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